April 21, 2017

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In die Sozialen Medien, Trainer!

June 1, 2017

 

Lesezeit: 5 Minuten

 

Es war der Höhepunkt der Schmierenkomödie um den Abgang von Thomas Tuchel als Trainer von Borussia Dortmund. Um 12:47 verkündete der Bundesligatrainer die Trennung, oder besser gesagt, seine Entlassung trotz eines bis 2018 laufenden Vertrags. Via Twitter (Link: goo.gl/qD9C6n). Den Account hatten er und sein Berater unter dem Namen „@TTuchelofficial“ erst wenige Stunden vorher angelegt (Link: goo.gl/nUShMn). Auf der Homepage www.thomastuchel.de steht, dass dort eine neue Internetpräsenz entsteht. Vorher war Tuchel in den sozialen Medien nicht vertreten. Mit seinem Tweet kam er der offiziellen Bestätigung der Dortmunder zuvor, die erst um 13:20 nachlegten und somit im Kampf um die Fans und die mediale Berichterstattung zunächst den Kürzeren zogen. 33 Minuten sind im Netz eine Ewigkeit. Viel Zeit für Retweets und Kommentare. Tuchel bekam die Sympathien für seine geleistete Arbeit. Der Verein war der Depp, weil er gerade dem statistisch besten BVB-Trainer der letzten Jahre den Laufpass gegeben hatte. Auch das hatte die Community schnell herausgefunden. Und die Medien griffen es dankbar auf. Der BVB geriet in Erklärungsnot. So sehr, dass er sich sogar genötigt sah, in Person von Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke neben der offiziellen Pressemitteilung noch einen offenen Brief an die Fans auf der Homepage nachzuschieben. (Link: goo.gl/L1vCff).

 

Die Presseabteilungen sind nicht zu beneiden

 

Die Art und Weise der Trennung zwischen Thomas Tuchel und Borussia Dortmund ist der Höhepunkt eines unwürdigen Possenspiels, welches sich über Wochen besonders zwischen Tuchel und Watzke in vielen kleinen Scharmützeln und verbalen Schlagabtäuschen durch die Medien gezogen hatte. Die Arbeit der Pressestelle des BVB möchte ich an dieser Stelle nicht bewerten. Aufgrund meiner eigenen beruflichen Erfahrungen ist manch eine Presseabteilung um die Zusammenarbeit mit den Alphatieren und Egomanen, die gerade beim Fußball über ihnen in den Chefetagen sitzen, nicht zu beneiden. Jene füttern aus einem spontanen Machtkalkül heraus schneller den schon seit Jahren befreundeten Journalisten mit Informationen, als die Presseabteilung ihres Vereins über die neueste Entwicklung in Kenntnis zu setzen. Nicht selten erfahren die Mitarbeiter der Presseabteilungen selbst erst am nächsten Tag aus den Medien, was der allmächtige Präsident oder Geschäftsführer da wieder losgelassen hat. 

 

Die Folge ist ein unwürdiger Kontrollzwang


Die Folge ist, dass Presseabteilungen auch aus Eigenschutz, einen regelrechten Kontrollzwang entwickeln. Die Bereiche über ihnen, bekommen sie nicht in den Griff. Aber alle anderen Abteilungen im Verein, die haben nur nach ihrer Pfeife und den Medien-Leitlinien zu tanzen. Es gibt ganze Richtlinien-Kataloge für den Auftritt in den klassischen und in den neuen Medien, welche Spielern, Trainern und weiteren Mitarbeitern regelmäßig an die Hand gegeben werden. Interviews bedürfen daher oftmals einer langen Vorlaufphase. Wenn es sich nicht um einen langjährigen Haus- und Hofjournalisten handelt, sieht es die Presseabteilung gerne, wenn die Fragen vorab schon einmal zur Prüfung und entsprechender Korrektur eingereicht werden. Veröffentlicht wird das Interview ohnehin nur nach einer zweiten Prüfung und Zensur. Vor Fernseh- und Radiointerviews gibt es ein klares Briefing, welches Thema in das Bild passt und welches Thema der Journalist besser unterlässt. Ein Vertreter der Pressevertreter ist natürlich stets mit dabei. Möglichkeiten für wirklich tiefgründige Fragen gibt es selten.

 

Field-Interviews als Bastion der Freiheit


Erfrischend sind da höchstens noch die Field-Interviews. Wenn die Sportler direkt nach dem Abpfiff vor der Werbewand Rede und Antwort stehen müssen. Nahezu legendär und beispielhaft sind hier die Eier-Forderung eines mit Adrenalin vollgepumpten Oliver Kahn (Link: goo.gl/nqjTNL) oder die Schiedsrichter-Schimpftirade von Lothar Matthäus (Link: goo.gl/glUk9q) nach einem Auswärtsspiel der Bayern in Karlsruhe. Die Erwähnung dieser Ex-Profis zeigt allerdings schon, dass die schönen Medien-Momente zunehmend weniger und gleichförmiger werden. Zumeist haben sich die Presseabteilungen auch hier schon einen Raum geschaffen, in dem sie die Sportler vor dem Field-Interview noch kurz briefen.

 

Ein Trainer sitzt genau zwischen den Stühlen

 

Was machst du nun aber als Trainer, wenn du diese Mechanismen kennst und merkst, im Verein rumort es so gewaltig in deine Richtung, dass du zu einem öffentlichen Spielball zu werden drohst und zwischen den Stühlen sitzt? Einerseits ist dort die Presseabteilung, die jedes Statement von dir erst mit den offiziellen Vereinsrichtlinien abgleicht und nach oben buckeln muss. Andererseits ist da genau die allmächtige Geschäftsführung oder der Präsident, die oder der immer wieder kleinere Sticheleien in den Medien lanciert, denen du dich dann in der Pressekonferenz vor dem Spiel oder unmittelbar vor den Anpfiff vor einer TV-Kamera stellen musst.

 

Brauche ich ein Profil in den sozialen Medien?


Es ist daher nicht verwunderlich, dass auch die Trainer mehr und mehr die sozialen Medien für sich entdecken. Weiterhin stiefmütterlich, wie auch mein Überblick am Ende dieses Textes zeigt, aber die Frage nach dem Sinn rotiert in ihren Köpfen. Und auch ich habe sie zu meiner Zeit als Journalist für Sky des Öfteren gehört. „Brauche ich als Trainer ein Profil in den sozialen Medien?“ Einen Ort also, an dem die Berater noch frei am Image basteln und der medialen Wirkung vorgreifen oder sie zumindest im Followerkreis abschwächen und ihr eine neue Richtung geben können. Die sozialen Medien wirken derzeit für Trainer wie ein Segen versprechendes Refugium, in dem sie noch einen letzten Rest an Kontrolle über ihre Meinung und deren öffentlicher Wirkung behalten.

 

Ja, wenn du ein Team hast, das weiß, wie es gemacht werden muss


Dass aktive Sportler ein Profil in den sozialen Medien haben, ist normal. Schon aus Marketingsicht. Für einen Trainer geht es aus meiner Sicht nicht um Marketing, sondern um knallharte Kommunikation. Und deshalb: Ja, dafür brauchen auch Trainer – die Sportart ist übrigens egal - ein Profil in den sozialen Medien. Vorausgesetzt, sie haben die Berater im Hintergrund, die damit passgenau arbeiten können. Für spontane oder falsch lancierte Posts sind die Extreme mittlerweile zu groß. Braucht es im sportlichen Bereich manchmal nur drei Tage bis ein Trainer vom Jahrhunderttrainer zum Volldeppen wirkt, so reichen in den sozialen Medien ein paar Stunden.  Zitate werden zu schnell und manchmal auch bewusst falsch verstanden.

Ein Trainer braucht sein Profil in den sozialen Medien, um Dinge, Themen und Trends, die seine Person betreffen, klar zu stellen. Ohne die Zensur durch eine Presseabteilung, die ihrerseits von den Vereinsrichtlinien abhängig ist. Dabei geht es für den Trainer nicht darum, sich auf Diskussionen, Beleidigungen und sonstige Kommunikationsscharmützel einzulassen. Es geht um seriöse Positionierungen der eigenen Sicht der Dinge. Allzu dünnhäutig auf jeden Bericht darf ein Trainer nicht reagieren. Donald Trump ist kein Vorbild.

 

Trainer müssen ihre Autorität bewahren

 

Auch 90 Prozent der Kommentare, welche sich unter einem Post des Trainers sammeln werden, können getrost ignoriert und später in einem allgemeinen weiteren Post zusammengefasst werden. Ein Trainer muss seine Autorität wahren, denn auch seine Spieler und weitere Vereinsverantwortliche lesen mit. Ausschweifende Diskussionen mit den Followern über Taktik, Spielsysteme, Ein- und Auswechslungen sind tabu. Die Distanz muss bleiben. Gleichzeitig sollte er aber auch nah genug an den Fans sein, um sympathisch und authentisch zu wirken. Die Anhänger wollen nicht aus den Zeitungen oder dem Fernsehen hören, wie es ihren Idolen geht. Sie möchten es von ihnen direkt erfahren. Dementsprechend muss ein Trainer über die Vorgänge in seinen Profilen informiert sein, um in der Realität auf gezielte Zuschauerkommentare reagieren zu können. Das stellt eine hohe Anforderung an die zwischenmenschliche Kommunikation zwischen Trainer und Beraterteam.

 

Die Schlammschlacht zwischen Watzke und Tuchel hätte verhindert werden können

 

Wäre der Streit zwischen Hans-Joachim Watzke und Thomas Tuchel anders verlaufen, wenn Tuchel schon seit Jahren oder Monaten einen offiziellen Twitter-Account gehabt hätte? Das hätte die Trennung nicht verhindert, aber sie wäre möglicherweise sauberer ohne die große Schlammschlacht in den Medien abgelaufen. Tuchel hätte schon vor Monaten gezielte Statements setzen können, so dass die Fans gar nicht mehr auf jede noch so halbgare Meldung aus Zeitungen oder TV angesprungen wären. Hätten sie das Profil von Tuchel als seriöse Informationsquelle wahrgenommen, wäre der Schaden nach dem Gewinn des DFB-Pokals sowohl für Tuchel, als auch für den BVB deutlich geringer ausgefallen. BILD und Co hätten nicht mehr viel Wind in den Segeln gehabt.

 

Auch Thomas Tuchel hat Schaden genommen


So wie es am Ende gelaufen ist, hat auch die Tatsache, dass sich Tuchel extra einen Twitter-Account zulegt, um seinem Verein zuvorzukommen, ein Geschmäckle, das für Schlagzeilen sorgen musste. Positiv ist das für den Trainer Tuchel nicht, denn nun wirkt es, als sei er bestrebt gewesen, zum Abschied noch einen möglichst hohen öffentlichen Schaden für den BVB anrichten zu wollen. Nach dem Motto: „Guckt euch das an. Sie bekommen nicht mal eine Trennung von ihrem statistisch besten Trainer der letzten Jahre hin. Ich bin irgendwie sogar froh, dass ich aus diesem Provinzverein raus bin, der ohne mich nicht funktioniert.“ Geschadet hat dieses Possenspiel beiden.

 

Wenn die aktiven Sportsuperstars Trainer werden

 

Die weitere Entwicklung im Trainerbereich bleibt spannend. Es wird besonders interessant, zu sehen, was passiert, wenn die aktiven Sportsuperstars der Gegenwart in den nächsten Jahren in die seriöse Trainerbranche wechseln. Diejenigen also, die als Erste auch finanziell richtig von den sozialen Medien profitiert haben. Ein Cristiano Ronaldo hat nicht nur seinen eigenen Pressesprecher, sondern derzeit auch über 121 Millionen „Gefällt mir“-Klicks auf einer offiziellen Facebook-Seite. Die Reaktionen unter seinen Posts reichen ebenfalls an die Millionengrenze. Es wäre fahrlässig, wenn Marketingriesen von diesem Kaliber plötzlich ihre Profile zumachen, weil sie als Trainer damit völlig gegensätzlich zu ihren aktuellen Auftritten arbeiten müssten. Von der Zusammenarbeit mit den künftigen Presseabteilungen der Vereine ganz abgesehen.

 

Hier ist noch eine Übersicht übe die Social-Media-Profile der 36 Trainer aus der 1. und 2. Bundesliga in der Saison 2016/2017.

 

 

 

 

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